Euthanasieopfer

Furtschegger, Antonie

Schloß Hartheim mit Rauchfahne aus dem Krematorium
Schloß Hartheim mit Rauchfahne aus dem Krematorium

 

ANTONIE FURTSCHEGGER wurde am 29. Mai 1937  „in den ersten Morgenstunden in bewusstlosem Zustand von der Rettungsabteilung in Werfen ins Krankenhaus St. Johann im Pongau eingeliefert. Der somnolente Zustand nahm nur langsam ab, sodass erst am 1.6. eine Zielbefragung im Sinne einer Anamnese gelang, die ergab, dass die Pat. einen Suicidversuch mit Veronal unternommen hatte. Die Pat. war in der Folge wohl zeitlich, örtlich und auch persönlich orientiert, machte aber trotzdem den Eindruck einer Geisteskranken. Am. 6.6. trat nun plötzlich ein Tobsuchtsanfall auf, dem im Laufe der Nacht noch einige weitere folgten. Die Pat. zerschlug dabei die Fensterscheiben, zerbiss das Netz des Gitterbettes und zerriss  die Zwangsjacke. Auf Grund dieses Ereignisses ist nun die sofortige Abgabe der Kranken in die Landesheilanstalt erforderlich.“  Am 7. Juni 1937 erfolgte die Überstellung in die Salzburger Landesheil und -Pflegeanstalt „beschränkt mit Jacke wegen Unruhe, Veronalvergiftung und Psychopathie.“ Die folgenden Eintragungen in der Krankengeschichte beschreiben eine Patientin in stark wechselnder Stimmung. zeitweilig sehr gereizt, (..) dann wieder von übersprudelnder Liebenswürdigkeit. (…) Den einen Tag ist sie mit ihrem Aufenthalte in der Anstalt sehr zufrieden, äußert sich in lobenden Worten, andern Tages wieder schimpft sie und kritisiert und nörgelt.“  Nach wenigen Monaten lösten sich die Stimmungsschwankungen, Antonie Furtschegger erschien vollkommen ruhig und klar geordnet. Sie beschäftigte sich fleißig und zeigte keine Verstimmungen mehr. Ende September 1937 wird sie von ihrem Mann Oskar  nach Hause genommen. Doch schon wenig Wochen später erfolgte die erneute Einweisung. Der Ehemann  gab an, „dass ihr Zustand nach der Entlassung einige Zeit sehr gut gewesen sei. Zunehmend wurde sie aber wieder reizbar, schimpfte, trank Schnaps und drohte mit Selbstmord.“ Die wenigen, kurzen Eintragungen in der Krankengeschichte, beschreiben den Zustand von Antonie Furtschegger als fast ständig verwirrt, meist sehr unruhig, erregt oder drohend aggressiv beschrieben. „Sie muss deshalb viel im Dauerbade gehalten werden.“ Die Dauerbadtherapie war eine der wichtigsten Behandlungsmethoden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Bei der Badbehandlung sollten unruhige Patienten mehrere Stunden zur Beruhigung im lauwarmen Wasser liegen. Der letzte Eintrag datiert vom Februar 1941: „Gelegentlich sehr lebhaft, muss in der Isolierung gehalten werden.“ Wenige Monate später am 18. April 1941 werden 28 Frauen, unter ihnen Antonie Furtschegger  mit einem Bus in die Vernichtungsanstalt Schloß Hartheim transportiert.

Die Krankengeschichte von Antonie Furtschegger, die 1941 von der Salzburger Heilanstalt nach Hartheim mitgegeben werden musste, findet sich heute im Bundesarchiv Berlin. Aus ihr lässt sich eine Biografie nur bruchstückhaft erschließen: Am 31. März 1896 wurde sie in Wien als Antonie Walzhofer  geboren, das Religionsbekenntnis war röm.-katholisch, als Berufe werden Hausgehilfin und Schneiderin angeführt, sie war „grazil gebaut“ und „mittelmäßig ernährt“, als Kind war sie auf den Kopf gestürzt, später wurde sie wegen Wucherungen der Hornhaut an beiden Augen operiert (Pterygium und Pannus). Seit dem 19. Lebensjahr kam es zu wiederholten  Aufnahmen in die Wiener Anstalt „Am Steinhof“ und die „Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt Gugging“ wegen Epilepsie,  Dämmerzuständen und Dysphasie (Minderung der Sprechfähigkeit).  Zeitweise lebte sie im Asyl- und Werkhaus der Stadt Wien in der Gänsbachergasse. 1931 arbeitete sie für einige Monate in Hamburg als Kellnerin auf einem Schiff, anschließend wieder als Kellnerin in der C.S.R.  Im selben Jahr ist der Tod ihrer Tochter angeführt, „der sie wieder rückfällig machte„.  Im Jänner 1932 Hauptküchenarbeiterin auf I. in Gugging, im darauffolgenden März wurde sie „als geheilt“ aus der Anstalt entlassen. 1934 heiratete sie in Hallein den Hilfsarbeiter Oskar Furtschegger. Das Ehepaar lebte  hier im Haus Reichstraße 5, vor dem am 15. Juli 2015 ein Stolperstein verlegt wurde.

Furtschegger

Egger, Maria

Maria Egger
Maria Egger in Kinderjahren (Foto: privat)
Heimatschein
Heimatschein der Stadtgemeinde Hallein

 

Maria Egger kam  am  6. Jänner 1908 in Hallein zu Welt. Ihre  Eltern, Franz und Josefine Egger, führten in Hallein-Burgfried eine Landwirtschaft. In der Schule lernte Maria Egger gut. Mit 13 Jahren erlitt sie bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung und war eine halbe Stunde bewusstlos.  Sie verblieb aber in häuslicher Pflege. Zwei Jahre später  traten bei ihr erstmals schwere epileptische Anfälle auf.  Ob ein Zusammenhang mit dem Sturz bestand ist nicht ausgeführt. Die Anzahl der Anfälle war sehr unterschiedlich. Es kam dabei  aber auch zu Zungenbissen.

1936 starb ihr erstes Kind kurz nach der Geburt. Im Dezember 1938 wurde ihr zweites Kind geboren.  Wenige Monate später hält der Halleiner Sprengelarzt eine dauerhafte Unterbringung von Maria Egger  in einer Heilanstalt aufgrund  der „Häufung und Erschwerung der Anfälle“  bzw. der  Folgewirkungen der Epilepsie  für unerlässlich.  In Begleitung ihrer Schwester wird sie am 18. März 1939 in die Salzburger Landesheilanstalt gebracht. Die Krankengeschichte gibt über den weiteren Verlauf nur wenig Auskunft. Vermerkt wurden einerseits Dämmerzustände oder Teilnahmslosigkeit, andererseits Gereiztheit und Unruhe.  „29.07.1940 Hat durchschnittlich monatlich zwei Anfälle“.  Am 16. April 1941 bestieg Maria Egger mit  67 anderen Patientinnen der Frauenabteilung einen Bus in Richtung Tötungsanstalt Schloss Hartheim. Zwei Frauen konnten nach Salzburg zurückkehren. Die eine war Schweizer Staatsbürgerin, die andere war Mutterkreuzträgerin und Mutter eines hochrangigen Nationalsozialisten. Für Maria Egger und die übrigen Frauen war es eine Fahrt in den Tod.

Tschusi-Schmidhoffen, Friedrich

Bus der GeKraT (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft m. b. H.)
Bus der GeKraT (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft m. b. H.)

Friedrich Tschusi-Schmidhoffen wurde am 6. April 1877 in Adnet als Sohn des bekannten Ornithologen Viktor Ritter von Tschusi zu Schmidhoffen (1847 – 1924), der 53 Jahre seines Lebens am Tännenhof in der Nähe von Hallein verbrachte, geboren. Friedrich Tschusi-Schmidhoffen besuchte in Hallein die Volksschule, anschließend für ein Jahr das Stiftsgymnasium Seitenstetten in NÖ., danach absolvierte er drei Klassen Realschule und in München die Realschulmatura. Weiters sind zwei Semester Technik und als Beruf Eisenbahnbeamter angeführt. Aus der Krankengeschichte, die im Bundesarchiv Berlin archiviert ist, sind nur 2 Seiten erhalten. Sie dokumentieren, dass Friedrich Tschusi-Schmidhoffen am 19.05.1926  auf Ersuchen des Bezirksgerichtes Hallein wegen Verfolgungsideen in die Salzburger Landesheil- und Pflegeanstalt aufgenommen wurde. Seine Größe war 173 cm, sein Gewicht betrug 59 kg, sein Ernährungszustand war mittelmäßig. Der Arzt notierte bei der Aufnahme, dass beim Patienten ein ganzer Komplex an Wahnideen zum Vorschein käme. Die Orientierung sei  auf allen Gebieten intakt gewesen, Krankheitseinsicht war keine vorhanden. Die Diagnose lautete Paraphrenie, eine leichte Form der Schizophrenie mit paranoischen Elementen. Wenige Wochen nach der Aufnahme wurde notiert: „Patient verhält sich ruhig, fragt, ob er nicht bald wieder entlassen werde, da ihm doch nichts fehle. Drängt fort.“ Friedrich Tschusi-Schmidhoffen  wird jedoch die nächsten 15 Jahre bis  zum 17. April 1941 in der Anstalt bleiben. An diesem Donnerstag wurden 83 Männer mit Bussen der GeKraT, der Gemeinnützigen Krankentransport GmbH abgeholt und in die Tötungsanstalt Hartheim in der Nähe von Linz abtransportiert. GeKraT war ein Tarnname für die Unterabteilung der Zentraldienststelle T4 in Berlin, welche für den Transport der Menschen verantwortlich war, die im Rahmen der der Aktion T4 ermordet wurden.

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abgeholt und in die

Nussdorfer, Ferdinand

Bus zum Abtransport der Patienten
Bus zum Abtransport der Patienten

Ferdinand Nussdorfer , geb. am 7. März 1909 in Frankenmarkt, Oberösterreich, war von Beruf Bäckergehilfe. Im April 1935 wurde er wegen „Tobsuchtsanfällen“ und „Wandertrieb“ auf Ersuchen des Vaters mit der Rettung in die Landesheil- und Pflegeanstalt Salzburg eingeliefert. In seinem sprengelärztlichen Zeugnis merkte Dr. Robert Dirnberger an, „dass Ferdinand Nussdorfer, der bereits in der Landesheilanstalt für G.K. in Pflege stand, neuerlich anstaltsbedürftig geworden ist. Er leidet an krankhaftem Wandertrieb mit zeitweisen Tobsuchtsanfällen, in welchen er gegen die Umgebung aggressiv wird. Derzeit gräbt er vor dem Haus eine große Grube aus, damit er den „Staub“ aus der Bäckerei hineinbringen kann. Er ist wieder sehr unruhig, herrisch, sehr gereizt, vollkommen unbeeinflussbar und bedroht bei geringstem Widersprechen seine Umgebung. Seit 8 Tagen schläft er nicht mehr (..)“  Während der Fahrt und auch bei der Aufnahme war der 1,67 m große, ledige Mann ruhig und orientiert. Er konnte sich an die beiden vorhergehenden Einweisungen erinnern und erkannte Ärzte und Pflegepersonal wieder. Ferdinand Nussdorfer gab im Aufnahmegespräch an, „dass er seit seiner letzten Entlassung immer gearbeitet hat und auch am Vortag noch zur Arbeit gegangen war. Es sei nicht zutreffend, dass er aggressiv gegen seine Umgebung geworden sei. Er gibt zu, gereizt gewesen zu sein, habe aber niemand bedroht. Er konnte sich auch nicht  den Vorwurf des Wandertriebes erklären, da er nur mit Einwilligung des Vaters Radtouren unternommen hätte. Im Übrigen fühle er sich vollkommen gesund.“ Ferdinand Nussdorfer konnte die Salzburger Heilanstalt in den kommenden Jahren nicht mehr verlassen. Über den weiteren Verlauf der Behandlung liegen keine Unterlagen vor. Bei der im Jahr 1940 vom Erbarzt Dr. Heinrich Wolfer durchgeführten erbbiologischen Erfassung lautete die Diagnose „Schizophrenie (hebephrene Form?)“.  Am 17. April 1941 wurde er mit 82 anderen Patienten nach Hartheim abtransportiert. Nur einer der Männer, Georg Mayrhofer, ein ehemaliger Offizier des Österreichischen Bundesheeres, konnte später nach Salzburg zurückkehren. Alle anderen wurden in der Tötungsanstalt in als Duschkabinen getarnten Gaskammern ermordet.

Doppelreiter, Oskar

Dr. Heinrich Wolfer, Leiter der erbbiologischen Abteilung
Dr. Heinrich Wolfer, Leiter der erbbiologischen Abteilung

Oskar Doppelreiter kam am 25. Jänner 1905 in St. Ulrich (Kärnten) zur Welt. 36 Jahre später wird der Leiter der erbbiologischen Abteilung und radikale Befürworter der NS-Euthanasie, Dr. Heinrich Wolfer, in seinen Unterlagen lapidar die Austrittsmeldung von Oskar Doppelreiter aus der Salzburger Landesheil- und Pflegeanstalt notieren. In Wahrheit war Oskar Doppelreiter wenige Wochen davor, am  17. April 1941, mit dem 2. Transport in die Vernichtungsanstalt Schloß Hartheim verbracht und dort ermordet worden. Die erbbiologischen Erfassung seiner „Sippe“ als „erblich belastet“ reichte Dr. Heinrich Wolfer als Rechtfertigung:  Wie Oskar Doppelreiter war auch seine Schwestern an Schizophrenie erkrankt, seine Mutter Alkoholikerin und an einem Delirium Tremens verstorben, ein Großonkel in einer „bayrischen Irrenanstalt“.

 

Schmittner, Herbert

Herbert Schmittner, geb. am 2. August 1940 in Meran, wurde im Alter von drei Jahren vom Gaufürsorgeamt des Landrates, Kreis Hallein,  in die „Wiener. Städtische Nervenklinik für Kinder“ eingewiesen. Am 5. August 1943  wurde das Kind „Am Spiegelgrund“ aufgenommen.  Wenige Tage später schrieb Dr. Marianne Türk in das Untersuchungsprotokoll: „Körperlich hochgradig unterentwickeltes, sehr blasses, rothaariges Kind […] es ist völlig teilnahmslos und der Kontakt, den man mit ihm herstellen kann, ist nicht nennenswert […] Kopfhaar fuchsrot, leicht gelockt, fein, mäßig, dicht glänzend. Augenbrauen und Wimpern ebenfalls rötlich […]  Ohren schlecht modelliert.“ (Quelle: Wiener Stadt- und Landesarchiv ) Am 20. August 1943 vermerkte Dr. Illing: „Seit einigen Tagen schwere Darmentzündung mit starken Durchfällen und Blutbeimischung.“ Am 27.August 1943 erfolgte die Meldung des Kindes an den Reichausschuss in Berlin: „Dauernde vollständige Pflegebedürftigkeit“.  Am selben Tag schreibt der Vater aus Hallein an die Anstaltsleitung. Am 3. September 1943 wurde das Antwortschreiben in Wien aufgegeben, drei Tage später starb Herbert Schmittner „unerwartet“ während der frühen Morgenstunden.

Standort: Salzgasse 2

 

Brunauer, Antonie

Austrittsanzeige

ANTONIE BRUNAUER, geb. Scheibl, wurde am 24.12.1902 in Salzburg-Itzling geboren. Laut Krankenakt wurde sie zu Bauern ausgestiftet. Ihre Schulleistungen waren mittelmäßig, nach der Schule arbeitete Antonie Brunauer als Magd und Haushaltgehilfin. 1922 heiratet sie ihren Mann Josef, einen Halleiner Fabrikarbeiter. Im November 1933 begleitete sie  dieser wegen Angstzuständen und paranoiden Ideen in die Salzburger Landesheilanstalt. Beim Aufnahmegespräch beschrieb ihr Gatte sie folgendermaßen: „Mehr ruhige Frau, liebt die Arbeit, die Stimmungslage eine ausgeglichene, … sie war keine misstrauische, argwöhnische Frau, sie mied die Menschen nicht, wenn sie es auch vorzog zu Hause zu bleiben, da sie am Heime große Freude hatte. Besondere Schicksalsschläge hatte sie nicht, die wirtschaftliche Lage war relativ gut, ich hatte bisher immer Arbeit. Im Jänner 1933 begann die Frau krankhafte Ideen zu äußern…sie verdächtigte die verschiedensten Personen, dass sie ihr Gift geben wollten. … Es war fruchtlos, sie mit Gegenargumenten von der Unsinnigkeit der Ideen zu überzeugen, sie wurde in letzter Zeit geradezu `heftig` erregt, wenn man davon sprach.“  Der  behandelte Arzt vermerkte als Diagnose: „Paranoide Schizophrenie“.  Antonie Brunauer konnte die Landesheilanstalt bis zu ihrem Abtransport in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim nicht mehr verlassen.  In den wenigen Eintragungen in ihrer Krankengeschichte  wurde sie anfänglich als „vollkommen uneinsichtig“ beschrieben, weil sie  immer wieder den Wunsch äußerte oder die Forderung erhob, nach Hause gehen zu dürfen.“29.1.1934: gänzlich einsichtslos, gereizt, drängt fort, verlangt, dass sie im Anstaltsgebiete spazieren gehen dürfe, erklärt aber im selben Atem, dass sie die Absicht habe nach Hallein zu gehen, hier dürfe sie nicht mehr zurückgehalten werden.“  In den Jahren 1939 bis 1941 erfolgte jährlich nur mehr ein einziger kurzer Eintrag: „Unverändert, katatone Erregungszustände, immer in Bettbehandlung,…“. Der letzte Vermerk ist mit 6.3.1941 datiert. Ihr Abtransport wenige Wochen später am 16. April 1941 ist nicht eingetragen. Die Krankengeschichte wurde nach Hartheim mitgegeben und ist heute im Bundesarchiv Berlin archiviert.

Standort: Schöndorferplatz 7