Molnar, Edmund

Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel
Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel (Foto: Friedrich-Bonhoeffer-Stiftung)
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Einzelzelle Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel

EDMUND MOLNAR, geb. am 7. März 1923 in Hallein, eingerückt in Cilli in der Untersteiermark, wegen „Wehrkraftzersetzung“  zum Tode verurteilt, am 26. Mai 1944 in Berlin-Tegel hingerichtet!

 

Das Schicksal des jungen Edmund  Molnar zeigt eindringlich, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Unerbittlichkeit die nationalsozialistische Gewaltherrschaft den einzelnen vernichten konnte.

Der am 7. März 1923 in Hallein geborene Edmund Molnar stammte aus einem christlich-sozial geprägten Elternhaus. Der Vater, ein Tischlermeister, war als Gegner des Nationalsozialismus bekannt und stimmte am 10. April 1938 als einer von wenigen HalleinerInnen gegen den Anschluss.

Nach Absolvierung der Schlosserlehre und des Arbeitsdienstes rückte Edmund zur Wehrmacht ein und befand sich im August 1943 als Gefreiter der Panzerjäger-Ersatzabteilung 48 in Cilli in der Untersteiermark. Eines Tages unterhielt er sich mit einigen Kameraden, wobei sich ein politisches Streitgespräch entwickelte. In der Hitze der Auseinandersetzung machte Edmund zwei Bemerkungen über Hitler: die Mutter des Führers sei Jüdin gewesen und wenn er in einem Hotelzimmer ein Führerbild finde, werde es von ihm weggehängt. Ein Soldat veranlasste wegen dieser Äußerungen eine Anzeigegegen Molnar, die zu seiner Verhaftung wegen Wehrkraftzersetzung und zur Einlieferung in die Wehrmachtshaftanstalt Graz führte. Im September wurde er in das Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel überstellt und dort am 16. November 1943 nach einer halbstündigen Verhandlung zum Tode verurteilt. Bei der mündlichen Begründung des Urteils soll der Vorsitzende hervorgehoben haben, dass der Angeklagte bisher unbescholten sei und sich sonst stets einwandfrei geführt habe; das Gericht werde daher einen etwaigen Gnadenverweis befürworten.

Die erste Nachricht von den Vorgängen um ihren Sohn erfuhren die Eltern von einem Kameraden Edmunds:

„Sehr geehrter Herr Molnar! Cilli am 25. August 1943
Ihr Sohn wird längere Zeit nicht in der Lage sein Ihnen zu schreiben. Bitte machen Sie sich deshalb keine Sorgen.
Er ist wegen einer Dummheit in Arrest. Werde Ihnen sobald ich Näheres weiß schreiben.“

In seiner Zelle in Berlin-Tegel beginnt nun für den jugendlichen Todeskandidaten ein zermürbendes Warten. Häufige Fliegerangriffe der Alliierten auf Berlin versetzten ihn in große Angst, wie die beiden folgenden Tagebucheintragungen belegen:

„29. Jänner 1944. Und so wie der gestrige Tag endete, fing auch der heutige an. Es war eine tolle Nacht, Phosphor rauschte wie Regen am Fenster vorbei. Jedoch bin ich gut weggekommen….Der  Angriff war in den Morgenstunden von 3 bis 4.30 Uhr.

30. Jänner 1944. Heute kann ich zwei Fliegerangriffe verzeichnen, der erste war harmlos in der Zeit von 12 bis 13 Uhr. Aber dafür der zweite um 20 bis 21 Uhr. Einen Stock über uns brannte es, die Nacht war hell wie der Tag. Mir hat es gereicht.“

Qualvoll waren die Sonntage:

„12. März 1944. Heute ist wieder Sonntag, hoffentlich geht er gut vorbei. Nun, die Nacht ist gut vergangen, das heißt natürlich nicht ohne Schreck. Denn in der Nacht von Sonntag auf Montag werden meist die Leute zur Hinrichtung abgeholt.“

Als Erleichterung empfand Edmund folgendes:

„2. März 1944. Heute hat man mir die Fesseln abgenommen, welche ich seit 16. November hatte. Es ist ein ganz seltenes Gefühl ohne Fesseln zu schlafen.“

Jede kleine Abwechslung war im Zellenalltag willkommen:

„13. April 1944. Ein Paket ist angekommen, nebst Keks barg es auch 20 Zigaretten und ein Stück Käse. In der Nacht Fliegerangriffe auf Berlin, auch in Spandau fielen Bomben.

14. April 1944. Nach langer Zeit konnte ich meinen Körper wieder in die Wäscherei geben…

21. April 1944. Heute mussten wir uns photographieren lassen. Hoffentlich sehe ich einmal so ein Bild.

25. April 1944. Von meiner lieben Mutter ist ein Paket eingetroffen mit Keks und 20 Zigaretten. Nun  ist wieder die Zeit gekommen, in welcher sich die Natur zu einem einzig großen Wunder gestaltet und ich bin nun  schon 260 Tage eingesperrt.“

Edmund wusste, dass sich seinen Angehörigen um Gnadengesuche bemühten und dass sich ein Rechtsanwalt seines Falles angenommen hatte. Allerdings stießen die Eltern Molnars bei den Halleiner Funktionären der NSDAP, insbesondere beim Kreisleiter Rudolf von Kurz und bei Bürgermeister Alexander Gruber, auf taube Ohren, was wahrscheinlich u.a. mit dem Abstimmungsverhalten des Vaters am 10. April 1938 zusammenhing. Edmund war offensichtlich bis knapp vor dem Hinrichtungstag nicht bekannt, ob er hingerichtet würde oder ob eine Begnadigung erwirkt werden könnte. Der letzte Eintrag im Tagebuch lautet:

„24. Mai 1944. Fliegeralarm in der Nacht von 12.45 bis 1.45 Uhr und von 11 bis 12 Uhr vormittags. Einen konnte man von der Zelle aus abstürzen sehen. Aber schon um 12.30 Uhr folgte der dritte, allerdings nur eine viertel Stunde.  Soeben erhielt ich zwei Briefe, einen von Heidi und einen von Mutter; im letzteren waren zehn Feuersteine und Zigarettenpapier. Es ist immer ein schöner Tag, wenn man von den Lieben Post erhält.“

Auch der Rechtsanwalt war von der Vollstreckung des Urteils am 26. Mai 1944 völlig überrascht.

Ein Schreiben des Zentralgerichtes des Heeres vom 31. Mai 1944 verständigte die Eltern vom Tod ihres Sohnes:

„Das am 16. November gegen Ihren Sohn, den Gefreiten Edmund Molnar ergangene Todesurteil ist nach Bestätigung am 26. Mai 1944 auf dem Schießplatz in Berlin-Tegel vollstreckt worden. Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften und dergleichen sind verboten. Ein letzter Abschiedsbrief ihres Sohnes ist beigefügt.“

In den Morgenstunden des 26. Mai, knapp vor der Hinrichtung um 8,20 Uhr, wurde ihm also erlaubt, noch einige Zeilen an seine Familie zu richten:

„…. Meine lieben guten Eltern und Geschwister! Meine lieben guten Eltern, es ist mir schwer, Euch, die Ihr alles für mich getan, diese Zeilen zu schreiben. Doch Gott wird Euch die Kraft geben diesen Schlag zu überwinden, so wie er mir die Kraft geben wird, ruhig und in festem Glauben an ihn, von dieser Welt zu gehen… Ich habe den Wunsch geäußert, dass Euch meine Lieben die Leiche ausgehändigt wird. Liebe Eltern und Geschwister betet für mich, ich werde es bei unserem Vater tun. Liebste ich gehe mit reinem Gewissen heim…. So meine Lieben nun ist gerade der Pfarrer bei mir gewesen und ich muss schließen und empfehle Euch Gott. Euer Mundi.“

aus: Wolfgang Wintersteller, März 1938 `Anschluss´ in Hallein und Umgebung, Hallein 1988

Standort: Molnarplatz 14